Hohe Tour mit neuer Anfahrt

Was ist „Ski Individuell“? Textauszüge, die – mit Ausnahme einer variierenden Kilometerangabe – jede Einladung enthält, vermitteln ein treffendes Bild vom Unternehmen:

Das Unternehmen dient der Erfassung der physischen und psychischen Leistungsgrenzen eines jeden Teilnehmers „für sich selbst“! Es ist also kein Wettrennen im eigentlichen Sinne. Vielmehr soll jeder Teilnehmer sich mit dem Problem konfrontiert sehen, eine Strecke von etwa 150 Kilometern unter winterlichen Bedingungen zu überwinden. Dabei ist jeder auf sich allein gestellt. Der Zeitfaktor hat dabei nur einen untergeordneten Wert. Er soll eventuell als Ansporn zu extremen Leistungen dienen. Um den Gedanken des Unternehmens zu wahren, ist es erforderlich, dass jeder Teilnehmer sich nach seinen Erfordernissen ausrüstet. Das bedeutet, er sollte in der Lage sein, mit seiner Ausrüstung allein die Strecke zu überwinden. …

Jeder Teilnehmer rüstet sich so aus, dass er die Tour allein findet und die Übernachtung in unbezahlten Quartieren (Zelt, Bushaltestelle usw.) übersteht. Ein Schlafsack sollte unbedingt vorhanden sein! Jeder Teilnehmer sollte sich so mit Verpflegung ausrüsten, dass er ohne Hilfe anderer Teilnehmer das Ziel erreicht; die Nutzung der wenigen Gasthäuser an der Strecke ist möglich.

2012 fand die 29. Auflage von „Ski Individuell“ statt.

Weit, weiter, am weitesten

Eine Umfrage im Ziel von Ski Individuell vor einigen Jahren, ob Interesse an einer kompletten Kammüberschreitung im Rahmen des Skiorientierungslaufs bestünde, war der Ursprung dieser möglicherweise verrückten Idee, die Jahr für Jahr erneut (von mir) in die Runde ge- aber letztlich stets (von Matz, dem Organisator) verworfen wurde.

Die 2012er „offizielle“ Streckenführung von Ski Individuell entsprach fast exakt dem „Zieleinlauf“ von Schöneck–Schöna. Wenn das Projekt jemals eine Realisierung erfahren sollte, dann in diesem Jahr. Matz schrieb daher auf mein Bitten hin die Verlängerung mit Start in Schöneck aus.

Vorbereitung

Eine Strecke auf Skiern von deutlich mehr als 200 Kilometern ist für mich ohne intensive Vorbereitung nicht zu schaffen. Zwar hatte ich mit dem Start beim 24-Stunden-Lauf „Miriquidi“ bereits positive Erfahrungen mit einer solchen Distanz, aber ein Rundenkarussell auf perfekter Loipe und mit ständiger Verpflegungsmöglichkeit schafft Erleichterungen, die bei Querfeldeinfahrt und Selbstverpflegung aus dem Rucksack nicht gegeben sind. Ende Oktober nahm ich das Lauftraining auf; 3- bis 4-mal wöchentlich einen Halbmarathon. Mitte Dezember kam dann endlich der ersehnte Schnee, ich begann mit Tagesdistanzen um die 40 Kilometer und steigerte das Pensum auf bis zu 90 Kilometer.

Planspiele

Die letzten Teilnahmen bei Ski Individuell gestalteten sich doch stets recht entspannt (mit Ausnahme der 2010er Tiefschneeexpedition). Der mitgeführte Schlafsack kam nie zum Einsatz, das Ziel wurde jeweils Samstagabend erreicht und echte Erschöpfung fühlt sich anders an. Das förderte den Optimismus, mit Minimalgepäck antreten und die Strecke nonstop bewältigen zu können. Auf mindestens 60 % der Distanz sollten präparierte Loipen existieren, die Bedingungen auf 30 % der Strecke waren unbekannt und der Rest musste voraussichtlich zu Fuß überbrückt werden. Daraus leitete ich 14 Stunden für die etwa 140 Kilometer auf Loipen ab, fünf Stunden für 25 Kilometer Fußanteil und acht Stunden für die „unsicheren“ 55 Kilometer. Zuzüglich Pausen war die Überschreitung also in 30 Stunden zu packen.

Alles wird anders

Mit heranrückendem Termin wurden die Wetterprognosen immer deprimierender. Zwar hatten sich im unmittelbaren Vorfeld die Schneebedingungen nochmals deutlich verbessert, so dass die Schneeauflage mindestens bis Tisá (Tyssa) reichen sollte, aber die Temperaturen sackten in den Keller. Orakelte der Wetterfrosch eine Woche im Vorfeld von kräftigem Frost, so deutete sich bald an, dass just das Wochenende mit neuen Kälterekorden aufwarten würde. -12 °C versprach man im günstigsten Fall zur Mittagszeit, -20 °C und weniger gar in der Nacht.

Meine letzte Trainingseinheit bei -8 °C deutete schon an, dass die Trinkblase trotz Thermoüberzugs diesen Temperaturen nicht lange würde standhalten können – der Trinkschlauch fror ein. Als Notreserve wanderte somit kurzfristig noch eine Thermoskanne ins Gepäck. Schlafsack und Isomatte lehnte ich weiterhin ab, aber die fette Daunenjacke ergänzte nun das Leichtmodell und zusätzliche Hose, Socken und Handschuhe blähten den Rucksack weiter auf. Für die Laufstrecken nahm ich Turnschuhe mit. Zum Decken des Kalorienbedarfs gingen fünfzehn Tütchen PowerGel, acht Müsliriegel, eine Tüte Studentenfutter und einige Käseschnitten mit auf die Reise. Minimalgepäck ist etwas anderes.

Den Start in Schöneck hatte ich ursprünglich auf 16:30 Uhr anberaumt, aber mit den fünf anderen Kandidaten der Langstrecke, die alle ihre verbindliche Startzusage erst in der Vorwoche gaben, einigte ich mich kurzfristig auf eine Vorverlegung auf 12:30 Uhr, um möglichst viel der Distanz bei Tageslicht und damit hoffentlich gemäßigteren Temperaturen laufen zu können.

Anreise

Thomas Schmitt, mit dem ich die komplette Vorjahrestour lief, erwartete mich bereits am Dresdner Hauptbahnhof. In Freiberg stieg sein Kumpel zu (mit neuen Skiern, die er soeben erst am UPS-Depot in Empfang genommen hatte). Tine und Jörg ergänzten die Truppe in Chemnitz. Ein Bekannter der beiden würde noch am Start in Schöneck hinzustoßen. Die Wartezeit in Zwickau nutzen wir (mit Ausnahme von Thomas Schmitt) zum Auffüllen des Flüssigkeitshaushalts mit Hopfensaft, dann brachte uns der Vogtlandexpress pünktlich ins sonnige Schöneck. Aber was heißt schon „sonnig“ angesichts der frostigen -12 °C, die die unterschwellig nagenden Zweifel am Gelingen nur noch stärkten.

Durchführung

Start am Freitag, dem 3.2.2012, gegen 12:40 Uhr, etwa 300 Meter östlich des Bahnhofs Schöneck-Ferienpark.

Ich hatte als einziger die Skater angeschnallt und da die anderen ohnehin (zumindest vorerst) in (zwei) Gruppen zu fahren gedachten, zog ich nach wenigen Richtungsänderungen auf der bestens präparierten Loipe davon. Bis zur Straßenquerung am Kielfloßgraben kam ich bestens voran, auch wenn ich (gefühlt?) mehr Kraft als erwartet aufwenden musste, um im trockenen stumpfen Schnee Fahrt aufzunehmen. Einem älteren Skiwanderer erläuterte ich noch den rechten Weg in Richtung Klingenthal, dann skatete ich die breite Schneise in Richtung Schneckenstein hinauf. Mit zunehmender Höhe schien die Reibung des Schnees zuzunehmen, aber noch ging es im Schlittschuhschritt leidlich voran. Die Abfahrt nach Mühlleiten, die bei Normalbedingungen durchaus erhöhte Aufmerksamkeit erfordert, konnte ich heute problemlos ungebremst passieren. Am Rammelsberg nahm ich die Bretter in die Hand und stiefelte den steilen Hang nach oben. Mir erschien das weniger mühsam als die Grätsche durch den Hohlweg. Im nun welligen Terrain mühte ich mich per Doppelstockeinsatz voran, da die gezogene Spur besser glitt als die lose Auflage im Skatingbereich. Als ich erneut in den Schlittschuhschritt wechselte, landete ich auf der Nase: der Ski war einfach stehengeblieben! Der Siitonen-Schritt half nur bedingt. Hierfür mangelte es mir an Kraft und Technik. Ab der Weitersglashütte setzte ich wieder auf Skating, bis die Dreifachloipe am Abzweig nach Henneberg das Ende der Skatingstrecke markierte. Mit kräftigem Stockeinsatz ging es angenehm flüssig zum Gasthaus; der 2,5 Kilometer lange Anstieg hinauf zum Grenzübergang Scheffelsberg/Korec war gefühlt deutlich länger.

16:45 Uhr, nach 33 Kilometern, hinterlegte ich am ersten Kontrollpunkt der Langstrecke meine Karte. Die Trinkblase, die ich bislang nicht genutzt hatte, erwies sich schon jetzt als unnütz: der Schlauch war eingefroren! Ich entfernte den Neoprenüberzug vom Schlauch und stopfte den Trinkschlauch in den Thermoüberzug der Blase, deren Inhalt immer noch lauwarm war. Vielleicht würde das Eis sich so lösen. Die mitgeführte Thermoskanne war die Rettung. Ich trank etwas, verdrückte ein PowerGel und einen Riegel und rutschte die dank der Schneebeschaffenheit harmlose Abfahrt zur Krušnohorská lyžařská magistrála (KLM; Erzgebirgsskimagistrale) hinunter. Diese erwies sich als bestens in Schuss, aber leider war hier auf 1000 Meter Höhe dem Schnee jegliches Gleitvermögen entzogen. Mehrfach hatte ich Mühe, bei unerwartet stockenden Skiern einen Sturz zu vermeiden. Am Fuß der ersten Senke schmierte ich (Sakrileg!) Steigwachs unter die Skater und wechselte vollends zur klassischen Technik. (Ja, es ist mir durchaus bekannt, dass Skater nicht für den klassischen Stil geeignet sind. Aber es funktioniert dennoch, ätsch!)

Die Freude währte nicht lange, dann kam mir der Streuwagen, äh Pistenbully, entgegen, zog eine neue Spur und nahm ihr den letzten Rest Gleitvermögen. Erst an der Querung der Straße nach Horní Blatná (Platten) traf ich auf eine „benutzte“ Spur, die spürbar besser rutschte. Nach Passage der Bahntrasse nahe Pernink (Bärringen) führte die KLM anfangs abwärts über ein freies Feld. Der Wind hatte die Piste tückisch mit gut gleitendem Harsch und stark bremsendem Pulverschnee manipuliert. An der nächsten Schutzhütte aß und trank ich eine Kleinigkeit und wachste die Skier nach (wiederum mit Steigwachs). Wenig später begann ein langer Anstieg, der erst nach zwölf Kilometern am Božídarský Špičák (Gottesgaber Spitzberg) wirklich endete. Inzwischen hatte die Nacht Einzug gehalten, eingeleitet durch einen farbenfrohen Sonnenuntergang, dem ich jedoch wenig Positives abgewinnen konnte, denn die ohnehin frostigen Temperaturen würden nun noch weiter abzusinken.

Nach einer rasanten Abfahrt im Schein der Stirnlampe überquerte ich die Straße nach Boží Dar (Gottesgab) und wählte die nun äußerst schlechte Spur hinauf zum Grenzübergang „Deutsches Gehau“. 19:00 Uhr (59 km) hinterlegte ich an der Schutzhütte meinen Passierschein, führte Kalorien und Flüssigkeit zu und folgte dem Tellerhäuser Skiwanderweg, die Bächelhütte passierend, nördlich um den Fichtelberg herum. Dass hier nochmals ein Anstieg zu bewältigen wäre, war unerwartet. Aber vermutlich trübte die Erschöpfung die Sinne und kleidete die sanfte Neigung in ein steiles Gewand. Am Abzweig zum Roten Vorwerk zögerte ich kurz, verhieß doch ein geradeaus führender Wegweiser eine kurze Alternative nach Neudorf. Ich folgte kurz der Alternative, widerrief aber meine Entscheidung, als der Weg sich bald steil ins Tal wand. Über Rotes Vorwerk, Eisenbergstraße und Gifthüttenstraße erreichte ich bald Kretscham-Rothensehma. An der Torfstraße leitete die offizielle Verbindungsloipe nach Bärenstein nach links. Allerdings würden auch Torfstraße und Feuerturmweg zum Ziel führen. Und da die Torfstraße zwar geschoben, aber die Schneedecke fürs Skaten ausreichend war, blieb ich auf dieser und landete schneller in Bärenstein als erwartet. Leider endete nun die Loipe und ich trug die Skier durch den Ort.

Auf der Talstraße fragte ich Einheimische nach einer Einkehrmöglichkeit. „Zum Freitag hat hier nichts auf. Aber bei den Tschechen findet sich etwas.“ Also lief ich weiter nach Vejprty (Weipert) und kehrte 20:30 Uhr ins erste Restaurant nach dem Grenzübergang ein. Ein Asiate.

Ich platzierte Trinkblase, Socken, Schuhe und Handschuhe auf der Heizung, bestellte Bier und gebackenen Käse und schaute ziemlich müde dem vietnamesischen Staatsfernsehen zu. (Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was lief.) Ein zweites Bier passte noch rein, dann noch ein doppelter Espresso. Die Trinkblase ließ ich mit heißem Wasser auffüllen; die Thermoskanne mit gesüßtem Tee.

Nach einer knappen Stunde trat ich, eingehüllt in Daunenjacke und Softshelljacke vor die Tür und stapfte den Anstieg hinauf. Am Bahnübergang drehte ich unsicher einige Runden, bis ich mich doch für die kleine, stetig bergauf führende Anliegerstraße entschied. Nach etwa einem Kilometer zweigte links eine brauchbare Spur ab, die ziemlich genau in die richtige Richtung lief und damit ihre Chance bekam. Nach weiteren zwei Kilometern querte diese die Straße nach Černý Potok (Pleil-Sorgenthal) und führte im rechten Winkel zu dieser gen Süden. Ich schnallte die Skier ab und lief die Straße. Theoretisch wäre ausreichend Platz für eine Spur neben der Straße gewesen, aber das Selbstspuren erschien mir mühseliger als das Laufen.

Außerdem freuten sich die Füße über die neue Bewegung – zumindest kurzfristig.

Bereits das Stück bis zur Kreuzung Černý Potok stutzte die Euphorie auf ein unbedeutendes Maß. Quälend zog sich die Straße dahin, ohne dass der Schein der Stirnlampe ein Ende erfasste. Quälend kehrte der Druck in die Fußsohlen zurück. Am Abzweig zur vodní nádrž Přísečnice (Talsperre Preßnitz) kam ich in Versuchung, die Skier anzuschnallen, ungeachtet des Streusandes, der es teils bis über die Wächte des Schneepflugs geschafft hatte.

Ich widerstand.

Erst die Krone der Staumauer gestattete Langlauf. Schuhwechsel. Rein in die kalten, feuchten Langlaufschuhe. Jenseits des Damms folgte ein drei Kilometer langer Anstieg. Ein Anstieg bleibt ein Anstieg und drei Kilometer bergan sind verdammt lang, zumal meine Kräfte merklich nachgelassen hatten oder auch kaum noch vorhanden waren. Der stumpfe Schnee schuf endlich einen Vorteil. Ich stapfte nun ohne Stockeinsatz hinauf, wo unter Normalbedingungen eine Grätsche vonnöten ist.

Endlich der Grenzübergang und kurz darauf das bestens präparierte Loipenareal von Satzung. Es ging weiterhin bergan. Und auch wenn es eben dahin ging, ging es bergauf. Zumindest registrierten das die Beschleunigungsdetektoren, die ständige Bremsmanöver signalisierten.

Eine Loipenkreuzung; rechts weiter. Nun auch physisch bergan. Von links, aus dem Tal herauf, irrten zwei Lichter heran. Sie flogen förmlich heran. Kniffo und Olaf, Mitstreiter von der „Kurzdistanz“, reduzierten kurz ihren Drang für einen kurzen Plausch, um dann das Tempo zu erhöhen. Ich mühte mich um Anschluss, war nach einem Kilometer aber so erhitzt, dass ich die beiden ziehen lassen musste. Nicht meine Leistungsklasse. Oder nicht mehr …

Dennoch lief ich auf andere Individualisten auf, die ich wiederum hinter mir ließ. Dass sie bereits hier waren, ließ sich nur damit erklären, dass sie den Aufenthalt bei ihrem ersten Kontrollpunkt signifikant kürzer fassten, als die beiden, die mir zuvor enteilt waren.

Der Skihang am Hirtstein war einfach zu befahren. Mindestens 20 °C unter null degradierten die Abfahrt zum Idiotenhügel.

Die Loipe des Skiwanderweges hinüber nach Reitzenhain-Reißigmühle glitt einigermaßen, dann trug ich die Langlaufski, bis ein Stück hinter der Unterführung der Bundesstraße die Loipenfortführung einsetzte. Unmittelbar am Waldrand rutschte es leidlich, über das freie Feld rein gar nicht. Noch eine kurze Tragstrecke in Reitzenhain und ich befand mich auf der schlechten Loipe nach Kühnhaide. Schlecht, weil die Breite des Weges nur eine Loipe gestattet. Für den nachts umherirrenden Läufer kein Problem, aber am Tage steht hier Spießrouten- statt Langlauf auf dem Programm.

Die Erinnerung projizierte entspanntes Gleiten in die Vorstellung. Leichtes Cruisen. Leicht bergab. Das Terrain passte zum Rückblick, der stumpfe Belag jedoch … aber lassen wir das! Optimismus ist alternativlos.

Die Schutzhütte am Sportplatz schien in die Ferne entrückt und dennoch hatte auch die Unendlichkeit ein Erbarmen und ich trat ein in den beheizten Posten. -20 °C draußen, +15 °C drinnen. Welch ein Kontrast!

Postenchef Hermann war zufrieden, endlich einen Abnehmer für sein Bier gefunden zu haben. Die heißspornigen Sportler Kniffo und Olaf konsumierten nur Tee und zogen auch bald weiter, während ich noch länger gegen die Versuchungen der wohligen Wärme ankämpfte. Mit den nach und nach eintreffenden Teilnehmern, weniger ambitioniert orientiert, erhöhte sich die Anzahl der den alkoholischen Sportgetränken zugeneigten Recken.

Meine ursprüngliche (Zeit-)Planung hatte ich irgendwo auf der Strecke gelassen. Zeit spielte keine Rolle mehr, zumal die Distanz noch nicht ganz Halbzeit auswies, meine körperlichen Reserven sich aber im Endspurt wähnten. Fast zwei Stunden benötigte mein Gewissen, um die Trägheit zu besiegen.

Ich versuchte Wachs, das nach dem Aufenthalt im Warmen etwas an Härte eingebüßt hatte, auf die blanken Laufflächen zu reiben – mit bescheidenem Erfolg. Dann zog ich los, erst am Rand des Sportplatzes entlang, dann orthogonal zu diesem, einer getretenen Spur folgend, hinab ins Tal der Schwarzen Pockau. Vor Jahren hatte ich mich im letzten Steilabschwung mit einem Sprung in den Schnee vor der Fahrt ins Wasser retten müssen – heute hatte ich Mühe, überhaupt auf nennenswerte Geschwindigkeit zu kommen. Parallel zum Ufer stapfte ich gut 200 Meter flussauf zur Straße, wo ich etwas östlich auf die Weiterführung der Skimagistrale traf.

Die Loipe war nicht präpariert und die vorhandene Spur durch Fußgänger teilweise zerstört. Aber wenigstens bot sie eine Orientierung im seichten Anstieg am Grenzweg. Am Waldrand folgte ich der Straße nach rechts. Das GPS gab grob die Richtung vor, aber weder eine Markierung noch Geländepunkte und erst recht keine Spuren von Kniffo und Olaf, die ja vor mir hier entlang gekommen sein mussten, bestätigten meine Wahl. Ich scheute die (theoretische) Abkürzung über die Felder und rutschte am Rande des beräumten Kammweges entlang. Die Lichter, die jenseits des Hügels auftauchten, ordnete ich Kalek (Kallich) zu. Da nirgends eine Spur zu erkennen war, die über die Felder direkt in die Richtung zielte, hielt ich mich weiterhin an die kleinen Ortsstraßen. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellte, denn Kniffo und Olaf mussten hier erfahren, dass selbst der strengste Frost sumpfige Wiesen nicht trockenlegen kann.

Ich trug die Skier über die Grenze und auch den links einsetzenden steilen Anstieg ging ich besser zu Fuß. Erst als er nach einen halben Kilometer merklich abflachte, stellte ich mich auf die Bretter und skatete teils die geschobene Forststraße hinauf. Weniger das reale als das gefühlte Tempo ließen mich hinunter zum Volárenský rybník zaudern. Ich zog den Reißverschluss der Daunenjacke vollends zu, richtete das Schlauchtuch, so dass nur noch ein Sehschlitz frei blieb und brauste im Stirnlampenschein hinab, stets auf der Hut vor den tückischen Eisschollen, die der Schneepflug auf der Bahn drapiert hatte. Die Anspannung entlud sich am nächsten Anstieg. Zurück zum zermürbenden Schlendermodus.

Ein Hauch von Dämmerung war bereits zu spüren, als ich endlich den Wald hinter mich ließ und über windgespressten Schnee auf freiem Feld auf die Kirche von Malý Háj (Kleinhan) zusteuerte.

Die beiden Freiberger, die bereits seit gestern vor Ort waren, hatten den kleinen Ofen im Zelt kräftig angeheizt, wohl weil sie Kniffo und Olaf bewirteten, die vor wenigen Minuten weitergezogen waren. Heißer Tee stand bereit, Glühwein wurde angesetzt – eine erneute Versuchung der grimmigen Kälte auszuweichen. Ich verweilte eine halbe Stunde. Unterdessen hatte die Nacht für den Tag den Platz geräumt, so dass ich auf dem Weiterweg auf die Stirnlampe verzichten konnte. Östlich der kleinen Kirche folgte ich den seichten Skispuren über das freie Feld in Richtung Lesná (Ladung), bis ich auf die ersten Loipen traf.

Die frisch gezogene Spur glitt leidlich, die gewalzte Unterlage fürs Skating praktisch gar nicht. Ein paar Züge Doppelstock, dann ein Stück Diagonalschritt, wieder Schub mit beiden Stöcken. Das Gelände fiel leicht ab, aber Schwung aufzunehmen, fiel unglaublich schwer. Erschöpfung. Frust.

Endlich eine Neigung, die Geschwindigkeit vermittelte. Um das Gefühl längstmöglich zu bewahren, schritt ich die Serpentine aus, anstatt dem steilen Direktweg der roten Markierung zu folgen. Mikulovice (Nickelsdorf) schlief noch, als ich am Rand der beräumten Anwohnerstraße durch den Ort rutschte. An der Hauptstraße schnallte ich die Skier ab und balancierte in den Langlaufschuhen über den rutschigen Asphalt. In Nová Ves v Horách (Gebirgsneudorf) stieg ich zu den Windrädern auf; die folgende Abfahrt zum Wald hin war tückisch mit ihren verwehten Schneefahnen, die das Stop im eisigen Go formten.

Der von Bäumen fallende Reif hatte sich als Gleitfilm in die Loipe gelegt, ein motivierender Zustand, der seine Wirkung auf dem freien Feld vor Mníšek (Böhmisch Einsiedl) abrupt quittierte. Die Sinne meldeten eine erleichternde Abfahrt, wo die Realität eine eines Anstiegs gebührende Kraftanstrengung verlangte, um nicht an Ort und Stelle zu verharren. Mníšek schien zum Greifen nah und rückte dennoch nicht näher. Dann erreichte ich doch noch die Tankstelle im Ort, die als stiller Briefkasten diente. Die Kontrollkarte von Kniffo und Olaf klemmte neben dem Eingang. Ich schrieb meine Ankunftszeit hinzu und humpelte bereits über den noch geschlossenen Grenzmarkt, als Kniffo aus dem nahen chinesischen Restaurant nach mir rief.

Dem Vorschlag, ihnen Gesellschaft zu leisten, war ich nicht abgeneigt. Gebackener Käse, zwei halbe Liter: mein „Frühstück“.

Zu dritt zogen wir weiter. Die Sonne erreichte nun auch die Tallagen. Nur Wärme spendete sie nicht. Für diese sorgte der Anstieg. Und das Tempo, das meine beiden Begleiter zunächst anschlugen. Bald kämpfte ich an vorderster Front und im momentanen Rausch der Geschwindigkeit, die nur relativ und im Zustand vollständiger Erschöpfung als solche bezeichnet werden konnte, ignorierte ich zunächst die stetig größer werdende Lücke zu meinen „Verfolgern“. Spätestens am nächsten Kontrollposten würde ich warten, schrieb ich mir in den Plan, und nahm die folgende Steigung ins Visier.

Das konnte doch wohl nicht wahr sein!

Dass Kniffo und Olaf an der vodní nádrž Fláje (Talsperre Fláje; ehemals Fleyh) nun vor mir auftauchten, konnte nur auf Halluzination beruhen. Wie war das möglich? Ich war dem Weg gefolgt, ich hatte nicht pausiert und zu keinem Augenblick die Strecke verlassen. Zauberei?

Nein, die bessere Ortskenntnis! Da existiert wohl vor Klíny (Göhren) eine südlich verlaufende Variante, die den beiden gegenüber der offiziellen Führung der Skimagistrale einen Vorteil einräumte und so hatten sie mich überholt, ohne mich eingeholt zu haben!

Das bis zur Anhöhe von Tří pánů ansteigende Profil räumte mir einen Vorteil ein. Die Mittagssonne erwärmte die Luft, die Skier liefen merklich besser, in den Gleitabschnitten kam ich deutlich schneller voran als die Klassikläufer. Am Stürmer trug ich die Skier über die Straße und schnallte sie dann doch im Sulz der Anliegerstraße an, um die Abfahrt nach Mikulov–Nové-Město zu nutzen. Am Skistadion war die „Wärmestube“ der Kontrollpunkt. Es war ein Schuppen. Der einzige, heruntergekommen, aber beheizt.

Ich hängte die Sachen zum Trocknen auf. Bier gab es nur in Flaschen – aber das passte schon. Kritischer war die Verpflegung. Als Vegetarier blieb mir nur der süße Auflauf. Ich nahm drei Portionen.

Kniffo und Olaf erreichten den Posten und teilten sich ein Bier. Echte Sportler halt.

Nach knapp zweiStunden zogen wir zu dritt weiter. Da der Tag vorm und die Motivation am Ende war, war ich froh, nicht erneut allein durch die Nacht laufen zu müssen.

Bereits der harmlose Anstieg zur horská chata Vitiška (Wittichbaude) zog sich und nur schleppend ging es die letzte Steigung vor Zinnwald hinauf. Der Hang kam diesmal steiler daher.

Das letzte Tageslicht und letzte Skiläufer begleiteten uns. Letztere schwenkten zur Grenze ab und würden wohl bald die Füße hochlegen können. Ich beneidete sie. Nur noch die „Hohe Tour“ stand an, eine Distanz, die mir sonst keine schlaflosen Nächte bereitet. Aber zu diesem Zeitpunkt war die Vorstellung, noch knapp 60 Kilometer durch das nächtliche Gebirge zu müssen, frustrierend.

Ich fuhr meist in dritter Position. Es war angenehmer, den beiden Lichtern zu folgen, als auf den sich nach wenigen Metern verlierenden Strahl der eigenen Lampe zu starren.

An der Komáří vížka (Mückentürmchen) kehrten wir doch nochmals ein. Nur auf einen Tee. Und um den Vorraum zu nutzen, um uns für die eisige Nacht warm anzukleiden. Auf der Abfahrt war es dennoch bitter kalt. Kniffo und Olaf stürtzen sich mutig die Loipe hinab. Ich kreuzte über das Feld, um den Schwung zu reduzieren. Im seichten Anstieg nach Habartice (Ebersdorf) stellte ich schnell wieder den Anschluss her. Die Temperaturen sackten spürbar ab, der ohnehin stumpfe Schnee bremste noch stärker.

Hinter Adolfov (Adolfsgrün) bewegten wir uns zunächst auf der Loipe am Feldrand entlang, bis eine getretene Spur über den Hügel führte und den Waldwinkel schnitt. An der Straßenquerung, vor dem nächsten Anstieg, wachsten wir nochmals nach. Die Spur über den kleinen Weiher glänzte feucht im Lampenschein. Wir nutzten sie dennoch, schlechter glitten die Skier dadurch auch nicht.

Die Schneedecke nahm stetig ab, in Tisá rutschten wir daher südlich der schneefreien Anwohnerstraße über die Felder, bis Grundstücksgrenzen die Weiterfahrt versperrten. Wir trugen die Skier durch den Ort und hielten auf die noch beleuchtete Kneipe an der Kirche zu. Obwohl die Tür versperrt war, schlioß der Wirt nochmals auf. Vielleicht hatte er ja Mitleid mit uns heruntergekommenen Gestalten, jedenfalls gewährte er uns Eintritt und reichte uns Speis und Trank. Kniffo kämpfte sichtlich gegen den Schlaf, ich bestellte Kaffee zum Bier, um einigermaßen auf Touren zu kommen.

Erst nach eineinhalb Stunden zogen wir weiter. Die parallel verlaufenden Anwohnerstraße gestattete das Skifahren. Gute Bretter hätte man getragen, aber den Alten konnte der Feinschliff nichts mehr anhaben.

Die Turistická chata (Touristenbaude) war noch erleuchtet. Wir hinterlegten eine Postkarte mit unserer Ankunftszeit – es war bereits 23:00 Uhr – und liefen die Straße bis zur Loipenkreuzung, bevor wir wieder auf die Bretter stiegen. Den Aufstieg bis zur Umfahrung am Děčínský Sněžník (Hoher Schneeberg, auch Tetschner Schneeberg) bewältigten wir zu Fuß, die einsetzende Spur war von miserabler Qualität, der Schneemangel offensichtlich.

Der Hohlweg vor der Kreuzung Kristin Hrádek (Christianenburg) war mit Steinen übersät, unten parkte ein Škoda mit laufendem Motor. Kniffo richtete seine Stirnlampe in den Fond und unterbrach das Liebesspiel der Insassen. Die Temperatur lag bei -15 °C!

Am Gegenhang gab die Schneeauflage neuen Mut. Zwar kratzte es gehörig, wenn die Steinchen den Belag frisierten, aber das störte nun wirklich nicht mehr. „Durchhalten!“ lautete die Parole. Der breite Forstweg hinter Maxičky (Maxdorf) zeigte sich gut beräumt, das weiße Band war oft ausreichend breit, um darauf rutschen zu können. Stellenweise aber auch nicht …

Ab Abzweig nach Dolní Žleb (Niedergrund an der Elbe) war Skilaufen nicht mehr möglich, kurze Schneebrücken unterbrachen hier den Asphalt. Zuvor war es umgekehrt. Wir wechselten das Schuhwerk, plünderten den letzten Verpflegungsvorrat und liefen – oder humpelten – die restlichen Kilometer nach Schöna hinab.

4:30 Uhr erreichten wir endlich die Rölligmühle. Ein kurzer Schwatz mit den Betreuern, ein letztes Bier, dann hüllte ich mich in alte Decken auf ein altes Sofa. Erholsamen Schlaf fand ich nicht.



Statistik

Distanz 228 Kilometer (davon etwa 20 Kilometer zu Fuß)
Anstieg 1960 Höhenmeter
Zeit 39 Stunden (30 Stunden reine Laufzeit)

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